IN MEMORIAM

Wenn ein Mensch durch einen Unfall vorzeitig aus dem Leben scheidet, ist das

traurig genug. Wie soll man es nennen, wenn eine institutionell verbundene

Forschergruppe auf diese Weise ausgelöscht wird? Denn die am 23. September

1961 in der Nähe von Ankara abgestürzten zehn Heidelberger Althistoriker

ließen nur die Akademische Rätin, Frau Dr. Ursula Weidemann, und dies auch

nur durch Zufall, im Seminar zurück. Sie und drei Examenskandidaten waren

alles, was damals - wie das Heidelberger Tageblatt am 25. September 1961

meldete - von der Seminarmannschaft übrig blieb.

Ebenfalls im "Heidelberger Tageblatt" erschien genau heute vor 50 Jahren ein

Nachruf auf Hans Schaefer von Walter Schmitthenner, einem seiner

erfolgreichen Schüler (damals Professor in Saarbrücken, später Ordinarius in

Freiburg). Schmitthenner stellt fest: "Das griechische Wort 'historia' bedeutet

ursprünglich 'Erkundung durch eigene Inaugenscheinnahme'. Wenn Hans

Schaefer und seine Exkursionsgefährten am 23. September 1961 einen so

furchtbaren und plötzlichen Tod fanden, mitten in dem Bestreben, den Raum der

griechischen Kolonisation an der Süd- und Westküste der anatolischen Halbinsel

persönlich zu erkunden, so sind sie wahrhaft als Historiker gestorben." Man

kann vielleicht noch weiter gehen: Die Tatsache, daß nahezu das gesamte

Seminar sich auf eine gemeinsame Studienreise begab, die sechs Wochen

dauern sollte, zeigt doch wohl, wie sehr man sich als eine durch Ziele, Repekt

und Freundschaft verbundene Forschungsgemeinschaft empfand.

Eine erste solche Reise, die bemerkenswerterweise vom

Bundesinnenministerium gefördert wurde und nach Nord- und Westkleinasien

führte, hatte es bereits im Frühjahr 1959 gegeben. Als die Gruppe das zweite

Mal am 8. September 1961 in den östlichen Mittelmeerraum aufbrach, führte sie

der Weg über Athen nach Zypern. Von dort wollte sie, wie es heißt, nach

Antalya, um schließlich am 18. Oktober wiederum über Athen in die Heimat

zurückzukehren. Es hätte ja nun nahegelegen, von Zypern nach Antalya mit dem

Schiff zu reisen anstatt mit dem Flugzeug über den Umweg Ankara; und

tatsächlich war genau dies geplant. Warum es sich nicht verwirklichen ließ,

entzieht sich meiner Kenntnis, wie es ja überhaupt müßig (wenn auch

unvermeidbar) erscheint, über das blinde Walten des Schicksals zu spekulieren.

Die beiden Studienreisen galten der Erforschung der griechischen Kolonisation,

des griechischen Einflusses in Kleinasien und - angesichts der Teilnahme

ausgewiesener Rom-Historiker wie Moreau, Teutsch und Friedenthal nicht

verwunderlich - der dortigen römischen Provinzialherrschaft. In einem

Rechenschaftsbericht an das Bundesinnenministerium wiesen die Heidelberger

Wissenschaftler nach ihrer ersten Reise auf ihr Interesse an der Geschichte der

sog. ionischen Wanderung und der Entstehung der griechischen Stämme hin.

Dies mag heute befremden, da der überwiegende Teil der Forscher die

frühgriechischen sogenannten Wanderungen für ein späteres Konstrukt hält.

Umso bemerkenswerter erscheint die in dem Rechenschaftsbericht formulierte

Erkenntnis, "daß die Ionier ursprünglich kein Stamm waren, sondern daß das

Wort eine allgemeine Bezeichnung der die Inseln und Kleinasien

kolonisierenden Griechen darstellte". Die Reise führte aber auch zu einem

handgreiflichen Ertrag in Gestalt von Abklatschen von Inschriften, die teilweise

noch nicht publiziert oder sogar noch nicht einmal entdeckt waren.

Als ich nach meiner Berufung 2007 zum ersten Mal das Heidelberger Seminar

für Alte Geschichte und Epigraphik betrat und die sich im Flur befindliche

Porträtgalerie der Verunglückten betrachtete, fühlte ich mich ergriffen. Zwar

hatte ich natürlich schon vorher von dem Unglück gehört; in die überwiegend

jungen, zum Teil sehr jungen Gesichter zu schauen - selbst Hans Schaefer, der

mit Abstand Älteste, war erst 55 Jahre alt -, sich die vielversprechend

begonnenen, jäh abgebrochenen Lebens- und Denkwege vorzustellen und sich in

ihrer Nachfolge zu wissen, ließ mich und sicherlich auch manch anderen an

unserem Seminar in den Jahren, die seit dem Unglück vergangen sind, einen

existentiellen Ernst spüren, der sonst im Rahmen unserer Berufstätigkeit wohl

eher selten aufscheint. Da wir alle regelmäßig Exkursionen in Mittelmeerländer,

gerade auch in die Türkei, unternehmen, bedarf es keines großes

Einfühlungsvermögens, um sich das Ausmaß einer solchen Katastrophe zu

vergegenwärtigen.

Der damalige Rektor unserer Universität Fritz Ernst evozierte bei der

Abschiedsfeier im Innenhof der Universität andere Formen des Massensterbens:

Die Universität Heidelberg habe, so sagte er, den Krieg wohl ohne äußere

Wunden und Narben überstanden – nun habe sie ein Schlag getroffen, wie er

außer in Zeiten der Pestilenz und des Krieges keiner anderen Hochschule

widerfahren sei: "Auch wir sind nun gezeichnet." Es liegt in der Natur der Sache

(und zählt ja insgesamt auch zu ihren menschenfreundlichen Aspekten), daß

solche Zeichen mit der Zeit verblassen. Der Schmerz läßt nach, aber die

Erinnerung soll bleiben. Daher möchten wir, die Seminarmitglieder von heute,

unsere Verbundenheit mit den verunglückten Seminarmitgliedern von 1961 zum

Ausdruck bringen, indem wir sie kurz einzeln vorstellen. Das kann und soll nur

einleitendes Stückwerk sein, bevor Professor Christian Meier aus eigenem

Erleben über "Hans Schaefer und sein Seminar" spricht. Da Herr Meier seinen

Lehrer Hans Schaefer und seinen Freund Peter Sattler eingehend würdigen wird,

sparen wir diese beiden Unglücksopfer in unserer Präsentation aus.

Gleichwohl möchte ich Hans Schaefer wenigstens in seiner Bedeutung für die

Geschichte unseres Seminars ganz kurz würdigen. Diese Bedeutung kann

nämlich gar nicht überschätzt werden. Kraft seiner integren Persönlichkeit hat es

Hans Schaefer geschafft, die durch Nationalsozialismus und Krieg beschädigten

internationalen Beziehungen unseres Seminars wiederaufzubauen. Außerdem

gelang es ihm, das Seminar für Alte Geschichte um einen zweiten Lehrstuhl für

Römische Geschichte zu bereichern. Überdies verdankt die Papyrussammlung

seinem organisatorischem Wirken ihre Entstehung als Einrichtung der

Hochschule, und schließlich verwandte er eine außergewöhnliche Energie auf

den Auf- und Ausbau der Seminarbibliothek. Wenn unser Seminar zu den am

vielfältigsten ausgestatteten Arbeitsstätten für Alte Geschichte in der

Bundesrepublik gehört und zahlreiche Forscher aus dem In- und Ausland

anzieht, dann verdanken wir das auch heute noch maßgeblich der Aufbauarbeit

von Hans Schaefer.

Ich möchte mich nun den vier jüngsten Unglücksopfern zuwenden: Sie waren

alle Schüler von Hans Schaefer, und sie promovierten alle über Schaefer-

Themen. Dies ist deswegen bemerkenswert, weil verschiedene Nachrufe die

Freiheit betonen, in der Schaefer seine Schüler wissenschaftlich gewähren ließ –

mit der Folge, daß diese (Walter Schmitthenner, Dietmar Kienast, Hans

Buchheim, Christian Meier und Ursula Vogel-Weidemann) zunächst römische

Themen behandelten, die Schaefers Arbeitsgebieten ferner lagen. Mit dem

Flugzeugabsturz ist also eine jüngere Schülergeneration ausgelöscht worden, die

Schaefer auch thematisch folgte. Siegfried Ries, der jüngste, stammte aus

Mannheim und wurde 22 Jahre alt. Er begann 1957 in Heidelberg Jura zu

studieren, brach dies aber bereits im folgenden Jahr ab, um sich für zwei

Semester in Berlin, dann wieder in Heidelberg der Geschichte und klassischen

Philologie zuzuwenden. Seit 1959 war er als Hilfskraft dem Seminar für Alte

Geschichte verbunden. Eine Arbeit über verfassungsgeschichtliche Fragen

während des peloponnesischen Krieges befand sich zum Zeitpunkt des Unglücks

in den Anfängen. Roland Maier starb mit 24 Jahren; er wurde in Nußloch bei

Heidelberg als jüngster Sohn eines Müllermeisters geboren; zwei der drei älteren

Brüder fielen im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Abitur am Heidelberger

Kurfürst-Friedrich-Gymnasium studierte er, mit einer einjährigen

Unterbrechung in Freiburg, Geschichte und klassische Philologie an unserer

Universität. Seit 1959 verwaltete er als wissenschaftliche Hilfskraft

gewissenhaft und sachkundig, wie es heißt, die Münzsammlung des Seminars.

Eine aus selbständigen Untersuchungen hervorgegangene, von Hans Schaefer

mit lebhafter Teilnahme geförderte Arbeit über "Die Demokratie in Argos im VI.

und V. Jahrhundert" stand kurz vor dem Abschluß. Es ist vielleicht kein Zufall,

daß das Thema wenige Jahre später von Michael Wörrle, einem Doktoranden

von Schaefers Lehrer Helmut Berve in Erlangen, aufgegriffen wurde. Gerhard

Müller stammte aus Heidelberg und wurde 25 Jahre alt. Nach dem Abitur

studierte er wie Ries (und übrigens auch Hans Schaefer!) erst einmal Jura in

Berlin, dann in Heidelberg, bevor er mit den Fächern Geschichte, Latein und

Politische Wissenschaft zur Philosophischen Fakultät übertrat. Seine Interessen

galten gleichermaßen der alten wie der neueren und neuesten Geschichte, wie

auch das dann doch der alten Geschichte zugehörige Thema andeutet, dessen

Erforschung er begonnen hatte, nämlich das Problem des griechischen

Widerstands gegen die römische Herrschaft. Wiederum ist interessant, daß

dieses Thema ca. zehn Jahre später von Jürgen Deininger aufgegriffen wurde,

der sich damit als Schüler des Schaefer-Schülers Walter Schmitthenner in

Freiburg habilitierte. So zeigt schon die Themenwahl von Ries, Maier und

Müller, welch fachlich vielversprechender Weg hier abgeschnitten wurde.

Hans Hermann Rohrbach starb mit 26 Jahren. Er wurde in Leipzig als Sohn

eines niedergelassenen Arztes geboren und kam nach dem Krieg nach

Heidelberg, wo er am KFG 1953 sein Abitur ablegte. Wie Ries, Maier und

Müller studierte er Geschichte und klassische Philologie in Heidelberg, nicht

ohne jedoch seinen Horizont durch ein jeweils einjähriges Zwischenspiel in

Göttingen und Oxford zu erweitern. 1960 reichte Rohrbach seine Dissertation

ein und wurde nach dem im Frühjahr 1961 abgelegte Staatsexamen zum

wissenschaftlichen Assistenten ernannt. Rohrbachs Dissertation liegt in einer

maschinenschriftlichen Fassung vor; sie trägt den Titel "Kolonie und Orakel.

Untersuchungen zur sakralen Begründung der griechischen Kolonisation".

Rohrbach wagte sich damit auf das Feld der unmittelbaren Interessen Schaefers

vor, den er gleichwohl selten und dann durchaus auch kritisch zitiert. Man

möchte glauben, daß die Arbeit gerade wegen ihrer Eigenständigkeit die volle

Anerkennung Schaefers fand. Jedenfalls ist sie nach wie vor lesenswert. Auf der

Basis sorgfältiger philologischer Analysen relativiert Rohrbach übersteigerte

Vorstellungen von der Bedeutung Delphis für die griechischen Kolonisation in

archaischer Zeit, etwa die Idee, daß die delphische Priesterschaft als eine Art

master mind hinter der Kolonisationsbewegung gestanden habe. Vielmehr sei

ein Orakel Delphis als Antwort auf eine konkrete Situation zu beziehen, die als

religiöses Problem verstanden wird, anders formuliert: Das Orakel gibt im

Einzelfall praktischen Rat, läßt aber keine darüber hinausgehende,

übergeordnete Politik erkennen – eine Ansicht, die m.E. nicht nur für

Kolonisationsfragen zutrifft, sondern auch im Hinblick auf das Problem der

Tyrannis oder der Konflikte mit fremden Mächten oder zwischen griechischen

Poleis. In jedem Fall führt die Fahndung nach einer konsistenten delphischen

Politik in die Irre, und dies hätte Rohrbach noch besser begründen können, wenn

er sich über die Bedingungen der mantischen Kommunikation Gedanken

gemacht hätte. Ein solcher Ansatz wäre freilich 1960 ungewöhnlich und

unerwartbar gewesen, und davon abgesehen ist Rohrbachs Ertrag anschaulich

genug, wenn er die Orakel zwischen der genauen Festsetzung des Plans der

Siedler und der endgültigen Gründung situiert. Daß die Orakelsprüche in der

Regel gleichwohl die Initiative für die Gründung beanspruchen, betrachtet

Rohrbach nicht als Fiktion, sondern als religiöse façon de parler: Der Gott

beteiligt sich an der Gründung und übernimmt ihren Schutz; zudem legitimiert

der Gott auf diese Weise die zum Teil ja gewaltsame Ansiedlung auf fremden

Boden. Rohrbach schließt mit dem Satz: "In seiner Beziehung zur Kolonisation

stellt sich das Heiligtum von Delphi dar, nicht als eine einsame, das

Griechentum überragende Stätte hoher sittlicher Prinzipien, sondern als eine an

seiner Entwicklung teilnehmende Instanz des Sakralen. Delphi wird damit als

Faktor griechischer Geschichte erst recht verständlich." Im Nachruf unserer

Universität auf Hans Hermann Rohrbach heißt es, daß seine Arbeit "durch die

auf der Exkursion gewonnene Anschauung für die Drucklegung noch eine

Vertiefung erfahren" sollte. Was wäre das für ein Buch geworden, wenn

Rohrbach auch noch archäologische Forschungen berücksichtigt hätte? In jedem

Fall ist es ein großer Verlust, daß diese kluge, sorgfältige und im besten Sinne

nüchterne Dissertation nie im Druck erschienen ist.